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Der Tag, an dem die Bombe fiel

Mit 103 Jahren erinnert sich Maria Voß noch genau an die Schrecken des Krieges

RINKERODE   Maria Voß hat am 9. März 2015 das stolze Lebensalter von 103 Jahren vollendet. „Da gibt es natürlich viel zu erzählen, auch über den Zweiten Weltkrieg. Aber nicht nur schöne, sondern auch viele schreckliche Momente habe ich erlebt“, sagt die gebürtige Rinkeroderin. Maria Voß, geborene Wentingmann, ist auf einem Bauernhof aufgewachsen. 1937 heiratete sie den damaligen Rinkeroder Ortsvorsteher Josef Voß und zog auf den Hof ihres Mannes.

Die Aufnahme zeigt Maria Voss.
        Stolze 103 Jahre  ist Maria Voß heute alt. An die
        Geschehnisse der 1940-er Jahre erinnert sie sich trotz des
        hohen Alters noch genau.

Den Zweiten Weltkrieg hat Maria Voß schon 1940 hautnah erlebt. „Bereits am 9. November ist die erste Bombe auf Rinkerode gefallen – und zwar neun Meter neben unser Schlafzimmer“, ist Maria Voß heute noch, 75 Jahre später, zu tiefst erschüttert.

Es war genau 4.30 Uhr, als die Fliegerbombe auf dem Hof einschlug und die zehn Bewohner des Hauses abrupt aus dem Schlaf riss. „Wahrscheinlich war es ein englischer Bomber, der auf einem Hof in der Nachbarschaft Licht gesehen und daraufhin die Bombe abgeworfen hat. Unsere Nachbarn hatten an dem Morgen geschlachtet und wahrscheinlich die Verdunkelungspflicht nicht so ganz ernst genommen,“ vermutet Maria Voß.

Diese Aufnahme zeigt den Bombenkrater und das zerstörte Haus der Familie Voss.
Ein Bombenkrater  und ein zerstörtes Dach: Die Familie Voß
hat viel Glück. Die Bombe, die am 9. November vor 75 Jahren
auf dem Hof einschlug, verfehlte das Schlafzimmer nur knapp.

Durch den Bombeneinschlag gingen sämtliche Scheiben des Hofes zu Bruch. „Die geschlossenen Fensterläden haben den Druck etwas gemildert, so dass die Fenster nicht beschädigt wurden, sondern nur die Scheiben. Aber die Dächer des Wohnhauses und der Scheune wurden größtenteils abgedeckt. „Nachdem wir den ersten Schock überwunden hatten, haben wir uns aus dem Haus gewagt“, berichtet Maria Voss. Direkt vor dem Schlafzimmer der Eheleute Voss entdeckten sie dann einen sechs Meter tiefen Bombentrichter. „Dort stand vorher ein Wallnussbaum, der war durch den Bombeneinschlag über unser Haus geflogen. Wir haben ihn total entwurzelt auf der anderen Seite des Hauses wiedergefunden“, erinnert sie sich.

„Mein Mann hat sich große Sorgen um mich gemacht, da ich zum Zeitpunkt des Bombenangriffs mit unserem Sohn Hugo schwanger war. Aber Gott sei Dank ist mir und auch den übrigen Familienmitgliedern und Bewohnern des Hauses nichts passiert“, so Maria Voss. Der entstandene Schaden an den Gebäuden wurde dann durch das „Deutsche Reich“ wieder hergestellt, und zwar „ziemlich zügig“.

Maria Voss erinnert sich noch daran, dass im weiteren Verlauf des Zweiten Weltkrieges allein auf ihren Ländereien in der Davert insgesamt 85 Bomben niedergegangen sind. „Ziel all dieser alliierten Fliegerangriffe war vermutlich das deutsche Munitionslager in der Davert,“ vermutet Maria Voß. Schlimmer und schrecklicher als dieser Bombenangriff waren für Maria Voß und ihre Familie aber die nächtlichen Überfälle der Zwangsarbeiter nach dem Ende des Krieges. „Das war für uns vollkommen unverständlich, denn wir haben die Russen und Polen auf dem Hof immer gut behandelt“, ist sie noch heute erschüttert über diese Zeit. Ende Mai 1945 wurde der Hof Voß von Russen überfallen. „Die haben uns alle in den Keller eingesperrt und die ganze Wohnung vergeblich nach Gold und Schmuck durchwühlt. Dafür haben sie dann aber alle Lebensmittel mitgenommen und ein schreckliches Chaos angerichtet. Gott sei Dank haben sie aber keiner Person etwas zu leide getan“, ist Voss heute noch erleichtert darüber, dass nichts Schlimmeres passiert ist.


Maria Voß: "Wahrscheinlich war es ein englischer Bomber, der auf einem Hof in der Nachbarschaft Licht gesehen und daraufhin die Bombe abgeworfen hat."


Als die nun freien russischen und polnischen Zwangsarbeiter nach dem Krieg in einem Sammellager in Münster auf den Abtransport warteten und dieser sich hinauszögerte, erschienen zwei russische Zwangsarbeiter auf dem Hof Voss und wollten „lieber bei uns bleiben, anstatt im Sammellager auf den Abtransport zu warten“. „Denen hat es vorher bei uns gut gefallen. Daran sieht man auch, dass wir diese Menschen während des Krieges gut behandelt haben“, so Maria Voß.


Maria Voß: "Die haben uns alle in den Keller eingesperrt und die ganze Wohnung vergeblich nach Gold und Schmuck durchwühlt."


Noch heute erinnert sich die rüstige 103-Jährige an eine Polin, die man auf dem Hof während des Krieges vor den Deutschen versteckt hatte und die nach dem Krieg unversehrt in ihre Heimat zurückkehren konnte. „Wir haben nach dem Krieg mit ihr noch viele Jahre brieflichen Kontakt gehabt“, berichtet Maria Voss.










Quelle: Westfälische Nachrichten vom 07.11.2015, Autor: Karlheinz Mangels