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Schwärzester Tag der Stadtgeschichte

Am 23. März 1944 sterben in Drensteinfurt 64 Menschen / Zeitzeugen berichten über das Kriegsende


DRENSTEINFURT/RINKERODE/WALSTEDDE Am 8. Mai 1945 ist es endgültig vorbei: Fünf Jahre nach Kriegsbeginn liegen weite Teile Europas in Trümmern. Das Dritte Reich ist am Ende - und die Bilanz ist verheerend: bis zu 50 Millionen Kriegstote - davon gut 5,2 Millionen deutsche Soldaten und 1,2 Millionen Zivilisten - sowie sechs Millionen getötete Juden und über drei Millionen tote sowjetische Kriegsgefangene. Etliche Städte sind zerstört. Viele Menschen suchen Obdach, da ihre Häuser noch kurz vor der Kapitulation dem alliierten Bombenhagel zum Opfer gefallen sind.

Auch in Drensteinfurt - das bis ins Jahr 1944 weitgehend verschont geblieben ist - bis zum 23. März besagten Jahres, der als "schwärzester Tag" in die Geschichte der Wersestadt eingehen sollte. Wie der Historiker Werner Bockholt in seiner "Kleinen Drensteinfurter Stadtgeschichte" erläutert, ertönt am Morgen des Unglückstages erstmalig der Fliegeralarm. Da die angekündigten Flugzeuge die Stadt jedoch scheinbar ohne Interesse passieren, kehren viele Menschen kurz darauf in ihre Häuser zurück. Eine fatale Fehlentscheidung. Denn um 11.30 Uhr nähern sich aus Richtung Südosten zwei Verbände von je etwa 20 Flugzeugen, die kurze Zeit später das Feuer eröffnen.

Die Aufnahme zeigt einen Blick auf das zerstörte Drensteinfurt aus Richtung Süden.
        Zerbombt     Die Aufnahme zeigt einen Blick auf das zerstörte Drensteinfurt aus Richtung Süden.
        Quelle: Werner Bockholt

"Die ausgeklinkten Bomben fielen vor allem im Bereich der Feller Gärten, so dass der Schaden noch größer geworden wäre, wenn sie Bruchteile von Sekunden später abgeworfen worden wären" schildert Bockholt. Dennoch: Große Teile des Marktplatzes, des Westwalls und der Münsterstraße wurden durch den Angriff total zerstört. 64 Menschen fanden den Tod, 200 weitere wurden verletzt - 60 von ihnen schwer.

Bild der Westfälischen Nachrichten
Hier ist ein getroffenes Haus an der Hammer
Straße zu sehen. Quelle: Werner Bockholt

"Über die Ursache, warum ein strategisch so unbedeutender Ort wie Drensteinfurt bombardiert werden konnte, sind viele Spekulationen angestellt worden. Ausgehen kann man jedoch davon, dass der Angriff vom 23. März in engem Zusammenhang mit den Bombardierungen von Hamm und Ahlen steht", schildert der Historiker. Eine Annahme, die allein dadurch Bestätigung findet, dass sich die Flugzeuge nicht wie sonst üblich aus Richtung Westen, sondern aus Südosten genähert hätten, was den Schluss nahe lege, dass sie "sich auf dem Rückflug befanden und möglicherweise die Bomben, die wegen der massiven deutschen Luftabwehr über Hamm oder Ahlen nicht abgeworfen werden konnten, als überflüssigen Ballast über der nächsten Siedlung, sprich Drensteinfurt, abwarfen."

In wenigen Tagen jährt sich der Tag der Zerstörung zum 71. Mal. Und gut sechs Wochen später, am 8. Mai 2015, gedenkt Deutschland dem 70. Jahrestag des Kriegsendes. Wie und wo haben die Menschen in Drensteinfurt, Rinkerode und Walstedde die letzten Kriegsmonate erlebt? An der Front? In Gefangenschaft? In der zerstörten Heimat? Oder auf dem Marsch aus den besetzten ehemaligen deutschen Ostgebieten in eine neue Zukunft? Wie war das Leben kurz nach Kriegsende, zu einer Zeit, als es noch an allen möglichen Dingen des täglichen Lebens fehlte? In einer Serie lassen die WN Zeitzeugen zu Wort kommen, die über das, was sie in jungen Jahren erleben mussten, berichten.










Quelle: Westfälische Nachrichten vom 14.03.2015