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Briefpapier aus leeren Zementsäcken

Johannes Grothues: „Eine schlimme Zeit"

RINKERODE   „Das Ende des Zweiten Weltkrieges am 8. Mai 1945 habe ich eigentlich gar nicht richtig mitbekommen“, erinnert sich der heute 89-jährige Johannes Grothues aus Rinkerode kaum an dieses historische Datum, denn am 2. Mai 1945 geriet er in russische Gefangenschaft, die dann genau vier Jahre, vier Monate und vier Tage bis zum 6. September 1949 dauern sollte.

Im Jahr 1943 wurde Johannes Grothues, in Olfen geboren, mit 17 Jahren zum Reichsarbeitsdienst nach Haselünne im Emsland eingezogen. „Doch aus dem Arbeitsdienst wurde nichts. Stattdessen sind alle damals eingezogenen jungen Männer zunächst nach Strich und Faden gedrillt worden. Dann wurden die Spaten gegen Gewehre ausgetauscht“, berichtet Grothues.

Die Aufnahme zeigt Johannes Grothues in seinem Wohnzimmer.
        Johannes Grothues  hat am Kriegsende und in Gefangenschaft
        viele schreckliche Dinge erlebt.
        Foto: -man-

Nach der harten Ausbildung erfolgte dann der Marschbefehl zu Flakstellungen nach Wittmund in Norddeutschland und später nach Hamburg. Als die Panzer der Roten Armee die deutschen Linien in Polen durchbrachen, erfolgte auch für Johannes Grothues ein Stellungswechsel zur sogenannten Oder-Neiße-Front – und das mit 18 Jahren. Dort wurde er dann nach schweren Kämpfen am 2. Mai 1945 mit seiner gesamten Truppe von der russischen Armee eingekesselt und gefangen genommen. „Von den Russen, die uns übrigens immer sehr gut behandelt haben, erfuhren wir dann auch, dass Deutschland kapituliert habe, wir zunächst in ein Lager kämen und dann nach Hause dürften“, erinnert sich Grothues an die Zusage der russischen Soldaten. Doch daraus wurde nichts. Nach mehreren Zwischenstationen und nicht enden wollenden Bahnfahrten in geschlossenen Waggons war letzten Endes im ukrainischen Mariupol im Lager 7280/4 Endstation für die deutschen Gefangenen. Dort mussten sie als Waldarbeiter und später auch in einem Stahlwerk unter strenger Bewachung arbeiten. „Außerdem wurde ich als Maurer eingesetzt“, erinnert sich Grothues. Vor allem die Verpflegung war katastrophal. Es gab praktisch vier Jahre Kartoffelsuppe. In all den Jahren gab es niemals ein „richtiges Stückchen Fleisch, eine Scheibe Wurst oder Speck, gesunden Fisch, ein Ei, Butter, Margarine, Marmelade oder sonstigen Aufstrich. Zu keiner Zeit gab es einen Schluck Milch, Milchprodukte wie Quark oder Käse, Obst oder andere Früchte.“

Es bestand aber die Möglichkeit, seinen Lieben nach Hause zu schreiben. Ein Brief durfte 25 Worte enthalten. „Das Problem war nur – wir hatten kein Papier. Aber da haben wir uns auch beholfen und zum Beispiel aus leeren Zementsäcken Briefpapier geschnitten und beschrieben und dann als Briefe nach Hause geschickt“, so Grothues heute. Ein Brief war dann zwei Monate unterwegs, wenn er die strenge russische Zensur überhaupt passierte. Und die Antwort aus der Heimat kam dann nach weiteren zwei Monaten.

Womit keiner mehr gerechnet hatte, geschah im August 1949: Die deutschen Gefangenen erhielten die Mitteilung, dass sie aus der Gefangenschaft entlassen und nach Deutschland zurückkehren würden. Nach tagelangen Zugfahrten erreichte man am 6. September 1949 das Entlassungslager Friedland an der Leine. Von dort aus ging es mit dem Zug in „Richtung Rheinland“ mit einer Zwischenstation in Paderborn, wo „der ganze Bahnhof für die Rückkehrer geschmückt war und eine Kapelle die Heimkehrer begrüßte. Über Dortmund – auf dem Bahnhof war es sehr „eisig, niemand begrüßte die Heimkehrer“ – gelangte Grothues dann zum Bahnhof Selm, wo er von seinen zwei Brüdern herzlich empfangen wurde. In seinem Heimatort Olfen hatten die Familie und die Nachbarschaft einen großen Empfang für ihn organisiert. „Ich habe dann zu Hause das erste Mal seit über vier Jahren wieder in einem Federbett geschlafen. Daran kann ich mich gut erinnern“, so Grothues.

Die Aufnahme zeigt Johannes Grothues als Postjungboten
Johannes Grothues  als Postjungbote.

Johannes Grothues hatte vor der Einberufung zum Reichsarbeitsdienst eine Ausbildung zum Postjungboten absolviert und war anschließend als Hilfspostschaffner tätig. „Daher musste man mich auch im Jahr 1949 wieder in den Postdienst übernehmen“, so Grothues. Und so geschah es auch. Bei der Post war er zunächst als Zusteller mit der „Postkarre“ unterwegs. Nach mehreren Zwischenstationen unter anderem in Lüdinghausen und Buldern bewarb er sich 1958 als Betriebsleiter der Poststelle in Rinkerode und wurde genommen. „Ich habe mir die Stelle genau angesehen und bin dafür sogar mit dem Fahrrad von Olfen nach Rinkerode geradelt“, erinnert er sich an seinen ersten Besuch in Rinkerode. Im gleichen Jahr zog er auch mit seiner Ehefrau Adele nach Rinkerode. „Rinkerode ist seit nunmehr 57 Jahren unsere Heimat“, freut sich das Ehepaar Grothues.

Trotzdem hat man als Gesprächspartner das Gefühl, dass Johannes Grothues immer noch nicht die schrecklichen Jahre des Krieges und der Gefangenschaft überwunden hat. „Aber meine Ehefrau, meine fünf Kinder und neun Enkelkinder sind für mich ein starker Rückhalt und helfen mir immer wieder, nicht mehr an die schreckliche Vergangenheit zu denken“, bedankt er sich bei seiner Familie.

Johannes Grothues: "Zu keiner Zeit gab es einen Schluck Milch, Milchprodukte wie Quark oder Käse, Obst oder andere Früchte."


Johannes Grothues hat übrigens im Jahr 2006 ein Buch mit dem Titel „Mit neunzehn hinter Stacheldraht – Erinnerungen an verlorene Jugendjahre“ veröffentlicht. Darin hat er die „schlimme Zeit“ niedergeschrieben – und versucht, sie zu „verarbeiten“.










Quelle: Westfälische Nachrichten vom 26.03.2015, Autor: Karlheinz Mangels