Logo der Serie in den Westfälischen Nachrichten

Anfang Zurück Vor

Ganze Familie brutal ermordet

Der heute fast 94-jährige Wilhelm Schemmelmann erinnert sich an eine grausame Zeit

RINKERODE   Den 8. Mai 1945, und damit das Ende des Zweiten Weltkrieges, erlebte der heute fast 94-jährige Rinkeroder Wilhelm Schemmelmann in britischer Gefangenschaft in Dänemark. „Was viele gar nicht wissen: Der Krieg wurde in Dänemark schon am 5. Mai durch eine Teilkapitulation der Deutschen Wehrmacht beendet“, sagt Schemmelmann heute, fast 70 Jahre nach dem Ende des Krieges. Eine der drei Kriegsgefangenenlager für die rund zwei Millionen deutschen Soldaten wurde auf einer Halbinsel in Eiderstedt in Schleswig Holstein eingerichtet. Dort wurden rund 410 000 deutsche Soldaten von den Engländern gefangen gehalten. Unter ihnen auch der damals 23-jährige Wilhelm Schemmelmann.

Die Aufnahme zeigt Wilhelm Schemmelmann in seinem Wohnzimmer.
        Heute ist der Rinkeroder  Wilhelm Schemmelmann fast 94 Jahre alt. Die Erinnerungen an die
        grausame Zeit des Krieges sind in ihm jedoch nach wie vor lebendig.
        Foto: Karlheinz Mangels

Mit 19 Jahren war Schemmelmann im Februar 1941 zur Deutschen Wehrmacht eingezogen worden. Nach einer kurzen Ausbildung in Trier – „Man brauchte uns ja an der Front“ – erfolgte zunächst ein Einsatz in Frankreich und bereits am 4. Oktober 1941 die Versetzung zur Infanterie an die Ostfront zur Heeresgruppe Mitte nach Russland. „Unvergesslich ist für mich die Kesselschlacht von Brjansk, etwa 380 Kilometer vor Moskau, wo unsere Kompanie mit 200 Soldaten sich zunächst in Löchern eingegraben hatte und dann von den Russen mit Panzern überrollt wurde“, erinnert sich Schemmelmann.

Trotzdem ging es für die Kompanie anschließend dann mit Unterstützung der Luftwaffe und anderer Einheiten noch weiter nach Osten. „Wir waren in Tula, rund 20 Kilometer vor Moskau, in schwere Kämpfe mit russischen Einheiten verwickelt“, blickt Schemmelmann auch heute noch voller Grauen zurück. Dort wurde er dann erstmalig verwundet. „Ich wurde von mehreren Granatsplittern getroffen und von einem russischen Bauern mit einem Pferdewagen zu meiner Einheit zurückgebracht“, war Schemmelmann damals sehr überrascht von der Hilfsbereitschaft eines „Gegners“, der ihm das Leben gerettet hat.

Die Aufnahme zeigt Wilhelm Schemmelmann in Uniform.
Wilhelm Schemmelmann  in Uniform

Anschließend ging es dann zurück nach Deutschland in ein Lazarett in den Schwarzwald. In den folgenden Jahren wurde Schemmelmann dann noch zwei Mal nach Russland an die Front versetzt – und zwei weitere Male verwundet. „Diese Verletzungen haben mir wahrscheinlich das Leben gerettet. Denn nach der letzten Verletzung Anfang 1945 und der Genesung im Lazarett in Osnabrück bin ich als Fahrer nach Dänemark versetzt worden“, berichtet Schemmelmann.

In Dänemark ging es dann schon „drunter und drüber“, denn es war so gut wie nichts mehr organisiert, so dass man die meiste Zeit „nutzlos herumstand“. Nach der Kapitulation und der Gefangenschaft in Eiderstedt ging dann alles sehr schnell. Schon nach wenigen Tagen wurden die Gefangenen von den Engländern befragt, wer Landwirt sei. „Da war ich natürlich sofort dabei. Schließlich bewirtschafteten wir in Rinkerode einen Bauernhof mit 120 Morgen“, erinnert sich Wilhelm Schemmelmann gerne an diesen Tag zurück. Alle Landwirte wurden dann mit mehreren Lastwagen abgeholt und in die Nähe ihrer Höfe gebracht. „Man hat mich in Telgte ausgesetzt und gesagt, den Rest müsse ich laufen“, so Schemmelmann. In Telgte traf er dann zwei Bekannte aus Rinkerode, nämlich August Deventer und Bernhard Schwaag, die – ohne dass man das wusste – gemeinsam in Eiderstedt gefangen waren. Zusammen machte man sich dann von Telgte aus auf nach Rinkerode. „In der Hohen Ward haben uns dann noch belgische Besatzungssoldaten kontrolliert, aber wir hatten ja Entlassungspapiere“, erinnert sich Schemmelmann.

Wilhelm Schemmelmann: "Ich wurde von mehreren Granatsplittern getroffen und von einem russischen Bauern mit einem Pferdewagen zu meiner Einheit zurückgebracht."


Groß war die Freude der Eltern auf dem Hof Schemmelmann als Sohn Wilhelm wieder gesund heimkehrte. Direkt nach der Rückkehr hat Wilhelm Schemmelmann dann auch auf dem Hof Hülsbusch in der Bauerschaft Hemmer ausgeholfen. In der Nachbarschaft des Hofes musste er dann den schrecklichen Überfall auf die Familie Stotter miterleben. Bei diesem Überfall, begangen von russischen Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen, wurden in der Nacht vom 11. auf den 12. Juni 1945 insgesamt acht Bewohner des Hauses und ein zufällig anwesender Besucher brutal ermordet. „Ich bin einen Tag später dort gewesen. Das viele Blut an den Wänden werde ich mein ganzes Leben nicht vergessen“, ist Schemmelmann auch heute noch tief erschüttert.

Die Aufnahme zeigt Wilhelm Schemmelmann mit Kameraden im Krieg.
        Erst mit 19 Jahren   wurde Wilhelm Schemmelmann (2.v. li.) zur Wehrmacht
        eingezogen. Bereits wenig später ging es an die Front.

Auch die Berichte von Verwandten und Bekannten über die letzten Tage des Krieges in Rinkerode werden für Schemmelmann immer unbegreiflich bleiben. „Da wurden Kinder und Jugendliche mit 15 oder 16 Jahren mit einfachen Flinten aufgefordert, auf die Panzer der Amerikaner zu schießen. Unbegreiflich!“, erzürnt sich Wilhelm Schemmelmann noch heute. Auch haben Jugendliche mit Panzerfäusten aus dem Hagedorn heraus auf amerikanische Panzer geschossen und sogar einen Panzer zerstört. „Darauf haben die Amerikaner, die auf dem Weg nach Albersloh waren, in den Hagedorn zurückgeschossen. Die Spuren kann man auch heute noch an vielen Bäumen sehen“, weiß Schemmelmann zu berichten.

Ansonsten ging das Leben nach dem Ende des Krieges in Rinkerode ohne große Einschränkungen weiter. „Wir waren ja fast alle Selbstversorger, und größere Schäden durch Bombenangriffe waren nicht zu verzeichnen.“ Wilhelm Schemmelmann lebt nun seit 20 Jahren „im Dorf“ und nicht mehr auf seinem Hof in Hemmer. Aber auch 70 Jahre nach Kriegsende wird er niemals die Schrecken des Krieges – vor allem in Russland – und die Ermordungen auf dem Hof Stotter vergessen können.










Quelle: Westfälische Nachrichten vom 08.04.2015, Autor: Karlheinz Mangels