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RINKERODE   „Das Ende des Zweiten Weltkrieges habe ich nicht mehr als Soldat erlebt. Denn ich bin bereits Anfang Mai 1945 in Dänemark desertiert und mit meinem Kumpel Fritze aus Berlin mit dem Fahrrad in Richtung Heimat geflüchtet“, erinnert sich der heute 94-jährige Eduard Etienne nach 70 Jahren noch gut an die damalige Zeit.

Bis dahin hatte der Rinkeroder, der in Marienburg in Ostpreußen geboren wurde und dort auch bis zu seiner Einberufung zur deutschen Armee lebte, so einiges im Zweiten Weltkrieg mitmachen müssen. Sein Vater betrieb bis 1939 eine Metzgerei, die sein Sohn nach der Einberufung des Vaters übernehmen sollte. Doch daraus wurde nichts, denn bereits am 10. Februar 1940 wurde Eduard selbst eingezogen, und sein Vater durfte wieder die Metzgerei betreiben.

Die Aufnahme zeigt Eduard Etienne.
        Eduard Etienne   ist heute 94 Jahre alt. Seine Familie landete aus
        Ostpreußen über einige Umwege in Rinkerode.
        Foto: Karlheinz Mangels

Nach einer kurzen Ausbildung in Hannover erfolgte im Herbst 1940 der erste Kriegseinsatz in Lille und Roubaix in Frankreich. Doch dieser Einsatz sollte nicht lange dauern. Schon Mitte 1941 ging es mit der sogenannten „zweiten Welle“ zunächst nach Brest an der Bug an die polnisch-russische Grenze und dann weiter an die Front in Russland nach Charkow und Tula, etwa 20 Kilometer vor Moskau. Etienne gehörte dem Panzerverband des damals legendären Generaloberst Guderian an. Durch drei Steckgeschosse in die rechte Hand wurde er dann im Winter 1941 in Tula verletzt und landete im Feldlazarett. „Das befand sich in einer ehemaligen Datscha des berühmten russischen Schriftstellers Fjodor Dostojewski“, erzählt Etienne.

Nach der Genesung erfolgte die Versetzung zur 18. Panzergrenadier-Division nach Eberswalde, etwa 50 Kilometer nordöstlich von Berlin. „Als ich bei einem Heimaturlaub in Marienburg von meiner Mutter mit reichlich Wurst aus unserer Metzgerei ausgestattet nach Eberswalde zurückkehrte und meine Kameraden und Vorgesetzten damit versorgte, durfte ich von nun an wöchentlich die etwa 400 Kilometer lange Heimatstrecke mit der Bahn antreten. Natürlich auf der Rückfahrt immer mit genügend Proviant für die Truppe“, berichtet Etienne.

Aber durch diese regelmäßigen Fahrten war er den Feldjägern aufgefallen, die ihn wohl schon länger beobachtet hatten. Sie griffen ihn auf, und er musste ihnen die „Versorgungsfahrten“ für seine Truppe erklären. Mit dem Satz „Mach weiter so, Kamerad“ ließen sie ihn jedoch laufen.

Später wurde Etienne als Kurier eingesetzt. Mit der Bahn ging es von Eberswalde an die Front, um die Kameraden in Charkow mit Lebensmitteln und Kleidung zu versorgen. Und dort wurde er dann das zweite Mal verwundet. Nach der erneuten Genesung wurde er in der Goethestadt Weimar zur Bedienung neuer Waffen ausgebildet.

Gut kann sich Etienne noch an eine für ihn besonders erschütternde Begebenheit erinnern: „Während eines Sonntagspaziergangs durch die wunderschöne Altstadt von Weimar landete ich in einem angrenzenden Wäldchen. Ganz in Gedanken bin ich einige Zeit durch den Wald gegangen. Mein Ausflug endete dann abrupt vor einem hohen Stacheldrahtzaun. Dort ging es nicht weiter. Ein gerade dort anwesender Mann hat mir dann nur einen Satz mit auf den Weg gegeben: ,Junger Mann, diesen Stacheldraht haben Sie niemals gesehen‘“, berichtet Etienne. „Zurück in Weimar erfuhr ich dann, dass ich vor der Abgrenzung des berüchtigten KZ Buchenwald gestanden hatte. Bei dem Gedanken, dass hinter diesem Zaun 250 000 unschuldige Menschen inhaftiert und gefoltert sowie über 50 000 ermordet wurden, wird mir jetzt noch ganz schlecht.“

Nach der Zeit in Weimar ging es für Etienne nach einem Zwischenstopp in Eberswalde nach Aarhus und später nach Esbjerg in Dänemark. „Mein Kriegskamerad Fritze aus Berlin und ich hatten dann so langsam die Schnauze voll vom Krieg. Darum sind wir gemeinsam bereits Anfang Mai 1945 desertiert und mit dem Fahrrad über die deutsche Grenze abgehauen“, berichtet Etienne. Ein großes Problem war dabei die Überquerung des Kaiser-Wilhelm-Kanals (heutiger Nord-Ostsee-Kanal), denn die Brücken wurden zu dieser Zeit schon von den Engländern überwacht. „Ein etwa 12-jähriger Junge hat uns dann im Schutze der Dunkelheit nachts mit seinem Boot übergesetzt“, sagt Etienne. Weiter ging es dann mit dem Fahrrad durch Schleswig-Holstein, an der Elbe entlang und weiter durch Norddeutschland bis nach Osterwick bei Coesfeld. „Wir waren fast 500 Kilometer mit dem Rad unterwegs und mussten uns öfter vor den Besatzungstruppen verstecken, da wir ja auch immer noch unsere Uniformen trugen“, so Etienne heute. In Coesfeld wollten die beiden dann einen ehemaligen Kameraden auf dem Bauernhof seiner Eltern treffen. Doch daraus wurde nichts, denn nach einer längeren Wartezeit auf dem Hof traf die Nachricht ein, dass er gefallen war.

Die Familie von Eduard Etienne war in den letzten Tagen des Krieges aus Ostpreußen vor der anrückenden russischen Armee geflüchtet. Vater, Mutter, drei Geschwister und eine Nichte landeten nach unsagbaren Qualen und Entbehrungen schließlich im Sammellager in Telgte. Von da ging es weiter nach Bösensell. „Ich habe rein zufällig erfahren, dass meine Familie ganz in der Nähe von Osterwick, wo ich ja auf dem Bauernhof lebte, untergekommen war“, so Etienne. „Das Wiedersehen mit der ganzen Familie war dann sehr bewegend“, ist Etienne noch heute gerührt.

Die Familie lebte dann noch über drei Jahre in Bösensell. „Aber mein Vater wollte wieder als Metzger arbeiten“, denkt Etienne an die damalige Zeit zurück. Über den Schlachthof in Münster hatte sein Vater erfahren, dass die Metzgerei Schräder in Rinkerode ihren Betrieb aufgeben wollte. Die Familie Schräder hatte die Absicht, nach Gremmendorf zu ziehen. Kurzentschlossen entschieden sich Vater und Sohn Etienne, die Metzgerei an der Eickenbecker Straße anzumieten und weiter zu betreiben. „Den ersten, den ich dort getroffen habe, war das Rinkeroder Urgestein „Katzhof“ Wilhelm Bücker, von dem ich anschließend viel gelernt habe,“ so Etienne. Am 1. Oktober 1949 wurde die Metzgerei eröffnet. „Wir sind damals schon von Rinkerode zum Wochenmarkt nach Münster gefahren“, schwelgt Etienne in Erinnerungen.

Die Eigentümer der Metzgerei verkauften dann bald das Haus, weil dort Wohnungen entstehen sollten. Daher mussten die Etiennes sich etwas Eigenes schaffen. So entstand die Metzgerei an der Albersloher Straße, wo der heute 94-Jährige immer noch mit seiner Frau lebt. „Und eine Metzgerei befindet sich immer noch im Erdgeschoss des Hauses“, freut sich der rüstige Rentner.










Quelle: Westfälische Nachrichten vom 18.05.2015, Autor: Karlheinz Mangels