Logo der Serie in den Westfälischen Nachrichten

Anfang Zurück Vor

Ein Bunker in „Störmanns Büschken"

Bernhard Schemmelmann erlebte als 16-jähriger die letzten Kriegstage in Rinkerode mit

RINKERODE  „Mit 16 Jahren habe ich zum Ende des Krieges und in den ersten Wochen danach wohl die spannendsten Jahre meines Lebens erlebt: Zunächst wurde ich noch mit 15 Jahren in ein Wehrertüchtigungslager nach Sennelager einberufen und für drei Wochen unter anderem an einer Panzerfaust ausgebildet. Nach der Rückkehr aus Sennestadt wurde ich auf dem Acker von Tieffliegern angegriffen. Und nach dem Krieg haben belgische Soldaten bei uns auf dem Hof fast alles kurz und klein gehauen", erinnert sich der heute 86-jährige Bernhard Schemmelmann nicht so gerne an diese Zeit zurück.

Die Aufnahme zeigt Bernhard Schemmelmann.
        Bernhard Schemmelmann  ist heute 86 Jahre alt. Als 16-jähriger
        erlebte er das Kriegsende und den Einmarsch der
        Alliierten auf dem elterlichen Hof in Rinkerode mit.

Nach der Ausbildung in Sennelager wurde er dann jedoch nicht mehr an die Front geschickt, da der Krieg Anfang 1945 so gut wie verloren war. „Ich durfte auf den Hof meiner Eltern zurück“, so Bernhard Schemmelmann heute. Aber da war von ruhigem Landleben nichts zu merken. „Immer wieder musste ich bei Arbeiten auf den Feldern in Deckung gehen. Ich kann mich noch erinnern, dass ich mit einer Stürzkarre mit Runkeln für unsere Kühe unterwegs war und dabei von Tieffliegern angegriffen wurde und schnell in Deckung gehen musste“, sagt Bernhard Schemmelmann. Grund der Angriffe der Tiefflieger war ein im Bahnhof Rinkerode auf einem Abstellgleis stehender Munitionszug, den die Tiefflieger als Ziel ausgemacht hatten. „Wenn die Tiefflieger den Zug getroffen hätten, wäre wahrscheinlich ganz Rinkerode hinüber gewesen“, bekommt Bernhard Schemmelmann noch heute eine Gänsehaut. Aber Gott sei Dank trafen die britischen Flugzeuge weder ihn noch den Munitionszug. Der Zug wurde dann von den Deutschen auf ein sicheres Gleis im Schutze der Hohen Ward abgestellt, wo er von feindlichen Tieffliegern nicht mehr ausgemacht werden konnte.

Obwohl im Jahr 1914 in Rinkerode geboren, erlebte sie den Zweiten Weltkrieg und auch dessen Ende in Albersloh. „Ich habe in der Gaststätte Lütkenhaus – später Fels – gearbeitet und dort auch meinen Ehemann Franz kennengelernt. Wir haben bereits im Jahr 1940 geheiratet und dann im Elternhaus meines Ehemannes in Albersloh gelebt“, erinnert sie sich gerne an die damalige Zeit zurück. „Zur Hochzeit konnte ich mir kein weißes Brautkleid leisten. Also zog ich ein gebrauchtes schwarzes Kleid an, trotzdem hat unserer glückliche Ehe über 70 Jahre gehalten“, strahlt sie jetzt noch.

Bernhard Schemmelmann: "Wenn die Tiefflieger den Zug getroffen hätten, wäre wahrscheinlich ganz Rinkerode hinüber gewesen."


Noch gut erinnern kann sich Bernhard Schemmelmann, dass sich seine Familie im angrenzenden Wäldchen („Störmanns Büschken“) einen eigenen Bunker gebaut hatte. „Beim Fliegeralarm haben wir uns mit der ganzen Familie darin zurückgezogen“, weis Bernhard Schemmelmann zu berichten.

Die Aufnahme zeigt zwei Zwangsarbeiter mit Fohlen auf dem Hof Schemmelmann (um 1945)
Hof-Idyll mit Fohlen  Nicht alle Zwangsarbeiter-Schicksale
waren gleich. Auf dem Hof Schemmelmann wurden sowohl der Friseur
Albert (re.) als auch sein Nachfolger Nikolaus rasch in das Familienleben
integriert, berichtet Bernhard Schemmelmann.

Da der älteste Bruder von Bernhard Schemmelmann schon früh zur Armee eingezogen wurde, bekam der Bauernhof seiner Eltern schon 1941 einen Zwangsarbeiter vom Naziregime zugewiesen.

Zwangsarbeiter, zu Anfang aus Polen und Frankreich und später aus Russland, wurden gerade in der Landwirtschaft eingesetzt, um die Ernährung der deutschen Bevölkerung zu sichern.

„Zunächst bekamen wir einen Franzosen, der hieß Albert, einen gelernten Friseur als Hilfe auf den Hof. Der blieb aber nicht lange, vielleicht ein halbes Jahr“, erinnert sich Bernhard Schemmelmann. Ab 1943 half dann ein Ukrainer auf dem Hof. Nikolaus war 45 Jahre alt und von der deutschen Armee in der Ukraine „zwangsverpflichtet“ und dann dem Hof Schemmelmann zugewiesen worden.

„Und das war wirklich ein netter Kerl, der bei uns vollen Familienanschluss hatte“, weis Bernhard Schemmelmann zu berichten. Zunächst bekam Nikolaus in der Familie Schemmelmann ein eigenes Zimmer und wurde voll mit in die Familie integriert. „Gerade meine Mutter hat Nikolaus richtig verwöhnt. Er hat voll am Familienleben teilgenommen und immer bei allen Mahlzeiten mit der ganzen Familie am Tisch gesessen. Wir haben uns wirklich um ihn gekümmert“, so Schemmelmann. Als dann der Krieg zu Ende war, wollte Nikolaus noch bleiben. Das ging aber nicht. Im Herbst 1945 musste er wohl oder übel Abschied nehmen und zurück in die Ukraine. „Das ist uns allen, vor allem aber Nikolaus sehr schwer gefallen. Ich kann mich noch an einen tränenreichen Abschied erinnern“, sagt Bernhard Schemmelmann.

Die Aufnahme zeigt Mutter Schemmelmann mit dem damaligen Hausmädchen Hedwig Klein.
        Auch im Krieg  mussten Haus- und Hofarbeit erledigt
        werden. Hier ein Foto von Mutter Schemmelmann
        mit dem damaligen Hausmädchen Hedwig Klein.

Nach dem Ende des Krieges kam es auch in Rinkerode vereinzelt noch zu Angriffen auf die einrückenden amerikanischen Panzer. So wurde aus dem Hagedorn, einem direkt neben dem Hof Schemmelmann liegenden Waldgebiet auf amerikanische Panzer, die auf dem Weg nach Albersloh waren, mit Panzerfäusten geschossen. Aufgrund dieser Angriffe „besuchten“ belgische Soldaten, die inzwischen die Besatzung von Rinkerode und Drensteinfurt übernommen hatten, auch den Hof Schemmelmann. „Ich kann mich gut daran erinnern, dass die ganze Familie an diesem Abend vor dem Herdfeuer saß als die Belgier erschienen. Diese vermuteten, dass wir auf dem Hof deutsche Soldaten versteckt hatten. Entsprechend brutal gingen sie vor“, denkt Schemmelmann noch heute an diesen Zwischenfall zurück. Als die belgischen Soldaten auf dem Hof keine deutschen Soldaten fanden, zerschlugen sie wahrscheinlich aus Frust darüber, „bei uns im Keller alle Gläser mit Eingemachtem“, entwendeten ferner noch ein Fahrrad und nahmen auch noch Kleidung mit. „Gott sei dank hatten wir schon Wochen vorher bei uns im Garten einen großen Koffer mit Wertsachen, Nahrungsmitteln, Fleisch und auch Kleidung vergraben, den die Soldaten nicht gefunden haben“, sagt Bernhard Schemmelmann.

Kurz nach dem Krieg kehrte dann der Bruder von Bernhard Schemmelmann aus dem Krieg zurück und übernahm den Bauernhof, während er selbst 1947 bei der Post eine Ausbildung begann. „Aber die Zeit zum Ende des Krieges und die ersten Wochen nach dem Krieg werden bei mir in keiner guten Erinnerung bleiben“, blickt der Senior auf die inzwischen über 70 Jahre zurückliegende Zeit zurück.










Quelle: Westfälische Nachrichten vom 11.07.2015, Autor: Karlheinz Mangels