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Einwöchige Odyssee in die Heimat

Doris und Heribert Stöppler erinnern sich

RINKERODE  Sie kennen sich schon „ein ganzes Leben lang“, sind beide in Rinkerode geboren, in die gleiche Volksschule gegangen und haben auch das Ende des Zweiten Weltkrieges dort erlebt: die Eheleute Doris Stöppler geb. Lohmann, und Heribert Stöppler.

Die Aufnahme zeigt Doris und Heribert Stöppler.
        Doris und Heribert Stöppler  sind Ur-Rinkeroder
        und kennen sich seit ihrer Kindheit. Das Ende des
        Zweiten Weltkrieges erlebten sie allerdings an
        verschiedenen Orten.

Beim Einmarsch der Amerikaner in Rinkerode war Heribert gerade mal fünf Jahre alt. „Trotzdem kann ich mich vor allem noch an die amerikanischen Panzer gut erinnern. Es war Karsamstag 1945, als die Panzer durch unser Dorf rollten“, erzählt der heute 75-jährige Rinkeroder. Die Panzer wurden auf der Straße nach Albersloh von „neun bis zehn Soldaten aus dem Hagedorn“ heraus mit Panzerfäusten beschossen. Dabei wurden zwei Panzer getroffen und zerstört. Die Amerikaner haben sich daraufhin bis an „die Hammer Straße bei Buxtrup“ zurückgezogen und über das ganze Dorf hinweg in den Hagedorn hinein geschossen. „Das ist bestimmt eine Entfernung von zwei Kilometern. Es ist schon ein kleines Wunder, dass die dazwischen liegenden Häuser und die Bauernhöfe Schemmelmann, Koch und Hagemann in der Nähe des Hagedorns nicht getroffen wurden“, ist Stöppler heute noch erstaunt. Doch so ganz ohne Treffer von Häusern ging dieser Beschuss doch nicht ab. Die Schreinerei Schwaag und das Wohnhaus Strietholt wurden bei dem „Angriff“ auf den Hagedorn doch getroffen und teilweise erheblich beschädigt.

Die Aufnahme zeigt Doris Stöppler und ihre Schwester Marlies
Doris Stöppler  (li.), damals noch Lohmann, und
ihre Schwester Marlies waren in den Schwarzwald
geschickt worden, wo sie auch das Ende des
Krieges erlebten.

Die deutschen Soldaten flohen anschließend aufgeschreckt in Richtung Albersloh. „Ein amerikanischer Panzer mit einem toten Soldaten ohne Kopf hat vier Tage in der Nähe vom Hagedorn gestanden. Wir Kinder waren darüber fürchterlich erschrocken“, ist Stöppler noch heute erschüttert.

Die heute 78-jährige Doris Stöppler erlebte das Ende des Krieges nicht in Rinkerode, sondern in Neustadt im Schwarzwald. „Ich bin schon im Jahr 1943, also mit sechs Jahren, zu meiner Tante Thea, der Schwester meiner Mutter, in den Schwarzwald gekommen“, erzählt Doris Stöppler. Bepackt mit reichlich Proviant sollte Agnes Bolle sie von Rinkerode aus mit dem Zug nach Süddeutschland bringen. „Doch wir kamen nur bis Dortmund, denn der Zug war voller Soldaten und die hatten alle mächtigen Hunger. Wir haben die dann versorgt“, berichtet Doris Stöppler. Also ging es notgedrungen wieder zurück nach Rinkerode. Und wieder wurden sie von „Mutter Lohmann“ mit jede Menge Essbarem versorgt, und ab ging es wieder in den Zug. „Und wieder sind wir nur bis Dortmund gekommen. Wir hatten einfach Mitleid mit den deutschen Soldaten“, erinnert sich Doris Stöppler heute. Bei der dritten Zugfahrt wurden sie von ihrer Mutter und ihrer Schwester Elisabeth begleitet. Und es klappte. Dafür sorgte ihre Mutter schon. Alle kamen wohlbehalten in Neustadt an.

Doris Stöppler: "Man konnte vom Gleis aus das Schloss in Münster sehen. Alles dazwischen war zerbombt."


Gegen Ende des Krieges im März 1945 wurde der Schwarzwald von den Franzosen besetzt. „Wir haben uns zunächst versteckt und wollten dann aber so schnell wie möglich nach Rinkerode zurück“, erinnert sich die damals achtjährige Doris Stöppler. Doch das war nicht so einfach. Damals fuhren nur noch Güterzüge in Richtung Münster. So ging es im November – „Abfahrt um 11.16 Uhr, es war ein Samstag, an das Datum kann ich mich nicht mehr erinnern“ – gemeinsam mit ihrer Schwester Marlies und ihrer Tante Thea in einem Waggon auf den Weg nach Rinkerode. In dem Waggon waren 20 Menschen untergebracht. Ein kleiner Kanonenofen sorgte für etwas Wärme. „Wir haben zunächst eineinhalb Tage auf einem Abstellgleis in Offenburg gestanden. Die ganze Fahrt bis Münster hat ein Woche gedauert“, erinnert sich Doris Stöppler.

Die Aufnahme zeigt Heribert Stöppler.
        Heribert Stöppler  hat als Kind Grausames
        zu sehen bekommen. Viele dieser Bilder
        hat der Rinkeroder bis heute nicht vergessen
        können.

Nach einer Übernachtung in einem Bunker im Bahnhof in Münster standen sie dann am anderen Morgen auf dem Gleis in Richtung Hamm. „Man konnte vom Gleis aus das Schloss von Münster sehen. Alles dazwischen war zerbombt“, ist sie heute noch über das Bild der Stadt erschüttert. „Als dann die Durchsage kam, dass der Zug nach Hamm über Rinkerode einfährt, habe ich mich riesig gefreut, endlich wieder nach Rinkerode zu kommen. Ich hatte eine richtige Gänsehaut. Nach drei Jahren wieder nach Hause, einfach toll“, freut sich Doris Stöppler noch heute.

In Rinkerode am Bahnhof wurden sie dann von ihrer Frau Mama („Mutter Lohmann“) im weißen Kittel abgeholt. „Der Kittel war auch später ein Markenzeichen von meiner Mutter, so kannten sie alle Rinkeroder“, sagt Doris Stöppler.

Gut kann sich Doris Stöppler noch daran erinnern, dass ihr Vater Heinrich im Krieg in Rinkerode dafür zu sorgen hatte, dass alle Häuser abends das Licht ausgeschaltet hatten. Schließlich bestand die Gefahr von Angriffen durch Tiefflieger auch in Rinkerode. „Er ging durch alle Straßen des Dorfes und hatte alle aufgefordert, die Häuser abzudunkeln. Wenn man dem nicht nachkam, konnte Vater ziemlich deutlich werden. Er klopfte so lange an die Türen, bis das Licht aus war“, erzählt Doris Stöppler über ihren resoluten Vater.










Quelle: Westfälische Nachrichten vom 06.08.2015, Autor: Karlheinz Mangels