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Amis waren „schwer in Ordnung"

Paula Schipke kam 1943 nach Rinkerode / Gutes Verhältnis zu Zwangsarbeitern

RINKERODE  Paula Schipke ist am 25. Juli dieses Jahres 90 Jahre alt geworden. Seit 1943 wohnt sie in Rinkerode. „Mitten im Zweiten Weltkrieg bin ich von Osterwick bei Coesfeld nach Rinkerode gekommen“, erzählt sie. „Schuld“ daran war ihre Schwester, die der Liebe wegen nach Rinkerode auf den Bauernhof von Alfons Surmann in der Bauerschaft Hemmer gezogen war. Da aber während des Krieges auch auf dem Hof Surmann Arbeitskräfte rar waren, wurde Paula von ihrem Vater dazu „verdonnert“ dort ihrer Schwester zur Hand zu gehen. „Und das war dann sogar mein Glück, denn hier lernte ich meinen späteren Mann kennen“, erinnert sich Paula Schipke, geborene Knipper.

Die Aufnahme zeigt Paula Schipke.
        Die heute 90-jährige Paula Schipke  hat auf
        dem Hof Surmann in der Bauerschaft Hemmer
        im Krieg eine Menge erlebt.

Insgesamt vier ihrer Schwestern verschlug es während und nach dem Krieg nach Rinkerode. Sie gründeten dort Familien. „Unsere Kinder und Enkelkinder haben sogar schon einmal eine Fußballmannschaft, ,Die Knippers’, aufgemacht. Und die waren nicht schlecht“, freut sich Paula Schipke.

Insgesamt vier ihrer Schwestern verschlug es während und nach dem Krieg nach Rinkerode. Sie gründeten dort Familien. „Unsere Kinder und Enkelkinder haben sogar schon einmal eine Fußballmannschaft, ,Die Knippers’, aufgemacht. Und die waren nicht schlecht“, freut sich Paula Schipke.

Den Zweiten Weltkrieg hat Paula Schipke auf dem Bauernhof Surmann sehr hautnah erlebt. „Die Tiefflieger haben so manches Mal die Bundesstraße 54, die ,Hammer Straße’, und damit auch die Höfe, die direkt an der Straße lagen, angegriffen. Ich hab mich dann immer lang auf den Hof geworfen und versucht, in Deckung zu gehen. Auch hatten wir einen großen Buschenhaufen auf dem Hof liegen, hinter dem wir uns dann versteckt haben“, steht ihr aber auch heute noch der Schrecken ins Gesicht geschrieben. „Bei uns gegenüber auf dem Hof von Hermann Möllers haben die Tiefflieger einmal sämtliche vollen Milchkannen abgeschossen, die zum Abholen bereit standen“, erinnert sie sich.

Paula Schipke: "Ich hab mich dann immer lang auf den Hof geworfen und versucht, in Deckung Tiefflieger einmal sämtliche zu gehen"


Auf dem Hof Surmann gab es Kriegsgefangene, die bei der Arbeit auf dem Hof und auf den Feldern halfen. „Wir hatten seit 1943 eine russische Zwangsarbeiterin auf dem Hof, die hieß Steffie, und später noch einen polnischen Helfer, Franz“, sagt Paula Schipke. Beide „gehörten zur Familie. Wir haben sie wie Familienmitglieder behandelt.“

Paula Schipke kann sich noch gut daran erinnern, dass Steffie – obwohl sie gebürtige Russin war – immer wieder sagte: „Russen nix gut.“„Sie hatte wohl mit anderen russischen Kriegsgefangenen schlechte Erfahrungen gemacht“, vermutet die Rinkeroderin.

Paula Schipke sitzt gemeinsam mit ihrem Mann und ihrem ersten Sohn vor ihrem Haus.
Paula Schipke  sitzt gemeinsam mit ihrem Mann und ihrem ersten Sohn
vor ihrem Haus.

Zum Ende des Krieges hatte man auf allen Bauernhöfen eine Riesenangst davor, dass die inzwischen freien russischen Zwangsarbeiter, die es ja auf fast allen Höfen gab und die während des Krieges nicht „immer gut behandelt wurden“, sich rächen würden. „Wir haben daher abends und nachts unseren Hof immer bewacht und uns in der Bewachung stundenweise abgewechselt. Aber Gott sei Dank ist nichts passiert“, ist Paula Schipke immer noch erleichtert. „Ich sehe heute noch unseren damaligen Nachbarn Engelbert Schulte mit einem dicken Knüppel über die Weide kommen, der uns vor den Zwangsarbeitern beschützen wollte. Doch wir brauchten seine Hilfe Gott sei Dank nicht in Anspruch zu nehmen“, sagt Paula Schipke.

Besonders erschüttert ist sie darüber, dass der polnische Helfer Franz („ein wirklich netter, fleißiger Mann“) nach dem Krieg von russischen Zwangsarbeitern umgebracht wurde, weil er „mit den Deutschen zusammengearbeitet hatte, also bei uns auf dem Hof geholfen hat“.

Als dann Ostern 1945 die Amerikaner einmarschierten, waren alle sehr erleichtert, denn die „Amerikaner waren alle schwer in Ordnung und wir hatten bis zum Schluss wirklich Angst, dass die Russen Rinkerode besetzen würden“.

Da mit so netten Besatzern aber nicht unbedingt zu rechnen war, hatte auch die Familie Surmann gegen Ende des Krieges einen ganzen „Kastenwagen“ mit Lebensmitteln, Kartoffeln und Schinken beladen und in der Davert versteckt. „Den hat keiner von den inzwischen frei gewordenen Kriegsgefangenen und Besatzern entdeckt, so gut hatten wir den im Wald versteckt“, lächelt Paula Schipke.

Die Bombardierung Münsters am 10. Oktober 1943 hat Paula Schipke aus der Ferne von Rinkerode aus verfolgt. „Ich war dann aber so mutig – und auch ein wenig neugierig – und bin mit dem Fahrrad nach Münster gefahren, um zu sehen, was da passiert war. Das war schrecklich. Ich konnte schon von weitem sehen, dass die ganze Stadt brannte. Daher hab ich mich auch nicht direkt bis in die Stadt getraut und mich lieber wieder schnell auf den Heimweg nach Rinkerode gemacht“, sagt Paula Schipke.

Paula Schipke: "Bei uns gegenüber auf dem Hof von Hermann Möllers haben die Tiefflieger einmal sämtliche vollen Milchkannen abgeschossen, die zum Abholen bereit standen."


Ihren späteren Mann, der Gärtner und Verwalter auf Haus Borg war, hatte sie 1943 auf dem Hof Surmann kennengelernt. „Auch mein Mann war Soldat, aber Gott sei Dank nicht in Russland, sondern in Italien. Deshalb kehrte er auch bereits Mitte 1945 nach Rinkerode zurück“, sagt sie. Geheiratet wurde dann 1947, und man zog in das kleine schmucke Häuschen an der „Schlossallee“ zum Haus Borg ein.

„Besonders stolz und dankbar bin ich auf unsere sieben Kinder und auf die inzwischen elf Enkelkinder“, freut sich die Rinkeroderin.










Quelle: Westfälische Nachrichten vom 27.08.2015, Autor: Karlheinz Mangels