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Leben in der Gummistiefelstraße

Helmut Hoffmann und Gerhard Reinecke erinnern sich

RINKERODE  Zurzeit vergeht kein Tag, an dem in den Medien nicht über Menschen berichtet wird, die in Deutschland oder anderen europäischen Ländern ein neues Zuhause suchen, weil sie in ihren Heimatländern politisch verfolgt werden oder vor dem unvorstellbarem Leid verursacht durch schreckliche Kriege flüchten. Es wird vermutet, dass bis Ende des Jahres allein in Deutschland bis zu 1,5 Millionen Flüchtlinge Asyl beantragen.

Die Aufnahme zeigt Helmut Hoffmann.
        Helmut Hoffmann  stammt aus dem
        ostpreußischen Allenstein.
        Foto: -man-

Eine noch weitaus größere Flüchtlingswelle gab es jedoch bereits vor über 70 Jahren: Mehr als zwölf Millionen Deutsche wurden in den Jahren 1944 und 1945 aus den deutschen Ostgebieten und den angrenzenden Staaten vertrieben, als die sowjetische Armee die deutsche Wehrmacht nach Westen zurückdrängte. All diese Flüchtlinge zog es notgedrungen – zumeist aus Angst vor den Russen – gen Westen. Dort suchten sie ein neues Zuhause. So entstanden in vielen Städten und Gemeinden ganze Siedlungen, in denen die Flüchtlinge die Möglichkeit bekamen, ihren Traum von einem eigenen Haus zu verwirklichen.

Die Aufnahme zeigt Gerhard Reinecke
Gerhard Reinecke  kam bereits kurz nach dem
Kriegsende nach Rinkerode.         Foto: -man-

Ob auch die Siedlung am Meerkamp in Rinkerode aus diesen Gründen entstanden ist, kann der heute 78-jährige Helmut Hoffmann nicht 100-prozentig sagen. „Aber einige Flüchtlinge aus Oberschlesien und Ostpreußen wohnen hier oder haben hier gewohnt“, so Helmut Hoffmann, der mit seiner Familie seit 1953 dort lebt.

Helmut Hoffmann stammt aus Allenstein in Ostpreußen. „Anfang 1945 fanden wir einen Zettel der russischen Kommandantur an unserer Haustür. Auf dem stand schlicht und ergreifend, dass wir umgehend unsere Heimat zu verlassen hätten“, erinnert sich Helmut Hoffmann. Die Russen stellten den betroffenen deutschen Familien ein Pferd mit Wagen und einen „Kutscher“ („Den wir auch noch bezahlen mussten.“) zur Verfügung, der die Familien dann zum Bahnhof brachte. „Wir waren damals acht Personen, meine Mutter und sechs Kinder im Alter von ein bis 14 Jahren und unser Cousin. Mein Vater war zu der Zeit noch im Krieg in Russland oder schon in russischer Gefangenschaft. Das wissen wir nicht genau“, berichtet Helmut Hoffmann. In Viehwaggons ging es dann von Ostpreußen zunächst nach Berlin. „In den Waggons waren wir ziemlich eingepfercht. Es gab kaum Luft zum Atmen. Die Fahrt hat ungefähr eine Woche gedauert, das war schon sehr unmenschlich, zumal wir – wie auch andere Familien – kleine Kinder dabei hatten“, ist Helmut Hoffmann heute noch erschüttert.

Gerhard Reinecke: "Das war einfach eine total nasse Ecke, ein richtiges Wasserloch."


Besonders gefährlich sei die Fahrt im Zug für die Frauen gewesen. „Russische Soldaten versuchten immer wieder, auf den fahrenden Zug aufzuspringen. Aber Gott sei Dank konnten wir das verhindern und so die Frauen beschützen“, erzählt Helmut Hoffmann.

Von Berlin ging es anschließend in einem Personenzug direkt bis nach Rinkerode. „Hier lebte eine Verwandte meiner Mutter, bei der wir zunächst unterkamen“, sagt er.

Nachdem der Vater im Jahr 1946 aus der Kriegsgefangenschaft zurück war, versuchte die Familie Hoffmann dann, ein Grundstück zu bekommen. „Da hat uns die Gemeinde Rinkerode sehr geholfen. Wir haben für 0,60 Mark pro Quadratmeter ein über 1200 Quadratmeter großes Grundstück am Meerkamp erworben“, sagt Helmut Hoffmann. Aber auch diesen Kaufpreis konnte die Familie nicht in einer Summe an die Gemeinde zahlen. „Meine Eltern haben deshalb mit der Gemeinde vereinbart, dass der Kaufpreis jede Woche mit einer Mark abgestottert werden konnte“, schmunzelt Hoffmann. Weihnachten 1953 war es dann soweit, man konnte in das neue Haus einziehen. „Wir hatten aber noch keine Haustür, darum haben wir zunächst eine Decke in die Türöffnung gehängt“, so Helmut Hoffmann.

Die Aufnahme zeigt Gerhard Reinecke in den Jahren nach dem Krieg.
        Gerhard Reinecke  lebte in den Jahren
        nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst
        in der Gummistiefelstraße.

Auch die Eltern von Gerhard Reinecke errichteten nach dem Zweiten Weltkrieg am Meerkamp ein Wohnhaus. „Aber wir haben zunächst ein Behelfsheim aus Holz gebaut und sind dort mit unserer sechsköpfigen Familie 1949 eingezogen“, berichtet Reinecke.

Die Familie Reinecke zählte nicht zu den Flüchtlingen aus dem Osten, sondern lebte bis zum Ende des Krieges in Welver bei Hamm. „Eine deutsche Flakstellung hat Anfang 1945 bei der Verteidigung gegen englische Angriffe versehentlich unser Haus zerstört“, erzählt Gerhard Reinecke. Die gesamte Familie Reinecke saß während des Angriffs der Engländer im Bunker und musste dann erschüttert feststellen, dass die eigenen Landsleute ihr Haus getroffen hatten. „Mein Vater war zu dieser Zeit noch im Krieg, und meine Mutter musste nun für sich und ihre vier Kinder eine Unterkunft besorgen“, so Gerhard Reinecke heute. Man wandte sich an Graf von Galen, der aber in Welver keine Grundstücke mehr hatte, wohl aber in Rinkerode – am Meerkamp. „Dadurch kamen wir bereits kurz nach dem Krieg nach Rinkerode. Es reichte aber zunächst nur zu einem kleinen Holzhaus, das mein Vater, der 1947 aus französischer Gefangenschaft zurückgekehrt war, fast alleine errichtet hat“, erinnert sich Gerhard Reinecke.

An seinen ersten Schultag in der Rinkeroder Volksschule kann er sich noch genau erinnern. „Die Mitschüler haben mich gefragt, woher ich denn komme. Ich hab dann gesagt, aus Welver, worauf sie antworteten: Aha, du bist also auch ein Flüchtling“, lächelt Reinecke.

Die Straße Meerkamp wurde von der Gemeinde erst 1955 ausgebaut. „Bis dahin haben wir die Straße immer ,Gummistiefelstraße’ genannt“, so Gerhard Reinecke. Mindestens zwei Mal im Jahr war am Meerkamp „Land unter“. „Das war einfach eine total nasse Ecke, ein richtiges Wasserloch“, schmunzelt Gerhard Reinecke heute. Auch den Entwässerungskanal haben die Anlieger selbst verlegt. „Die Abwässer wurden nach Vorklärung auf den Grundstücken im Dreikammersystem einfach in den Molkereigraben eingeleitet“, sagt Gerhard Reinecke.

Im Jahr 1953 baute die Familie dann ein neues, etwas größeres Haus, in dem Gerhard Reinecke nun allein mit seiner Ehefrau Traudel und seinem Sohn Ingo wohnt.

Beide Familien sind natürlich schon lange „echte Rinkeroder“. „Gerade bei unserer tollen Nachbarschaft ist uns das nicht schwergefallen“, sind sich die beiden einig.










Quelle: Westfälische Nachrichten vom 05.12.2015, Autor: Karlheinz Mangels