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Im Visier der eigenen Flak

Josef Lütke Rövekamp erlebte, wie der elterliche Hof in Flammen stand

RINKERODE   Ich habe im und nach dem Zweiten Weltkrieg mit gerade einmal zwölf Jahren viele schreckliche Sachen erlebt, an die ich mich noch heute mit Grauen erinnere", erzählt der inzwischen 82-jährige Josef Lütke Rövekamp aus der Bauerschaft Eickenbeck in Rinkerode.

Die Aufnahme zeigt Josef Lütke Rövekamp.
        Heute ist Josef Lütke Rövekamp  82 Jahre alt - und erinnert sich noch
        bestens an die Zeit seiner Jugend.

Am 23. März 1945 wurden das Wohnhaus mit dem Stallteil des landwirtschaftlichen Betriebes Lütke Rövekamp von der eigenen deutschen Flak getroffen und stand lichterloh in Flammen. „Dank des schnellen Einsatzes der Feuerwehr und der Hilfe der Nachbarn ist nur der Dachstuhl abgebrannt", berichtet Lütke Rövekamp. Der Wohnhausteil des Hauses wurde kurzfristig mit einer großen Drescherplane, „die uns unser Nachbar Bartram geliehen hat", abgedeckt, so dass die Familie dort weiter wohnen konnte. Trotzdem stand bei starkem Regen die Küche unter Wasser.

Wie war es zu dem Brand gekommen? Zwischen dem Mühlenweg und der Zimmerei Rieping befand sich eine deutsche Flakstellung, welche die von Süden kommenden Tiefflieger der Alliierten beschoss. „Die Geschütze waren dort eingegraben und so nicht erkennbar", erinnert sich Lütke Rövekamp. Bei einem dieser Versuche, die Tiefflieger zu treffen, wurde das Dach des Hofes Lütke Rövekamp getroffen. „Es waren also nicht die Tiefflieger, die für den Brand verantwortlich waren, sondern die eigenen Landsleute", sagt Lütke Rövekamp heute. Dank der tollen Nachbarschaftshilfe wurde der Dachstuhl von Schreinermeister Bernhard Beckamp innerhalb von sechs Wochen wieder errichtet. „Die Dachpfannen haben wir vom Haus Borg bekommen. Aber nicht freiwillig, sondern es wurde angeordnet, uns diese zur Verfügung zu stellen", erinnert sich Josef Lütke Rövekamp.

Eine schreckliche Begebenheit musste der damals Zwölfjährige dann kurz vor dem Ende des Krieges noch über sich ergehen lassen. Die deutsche Armee patrouillierte mit einem Lkw in der Bauerschaft Eickenbeck, um Tiefflieger zu erkunden. Dabei saßen zwei Soldaten vorne auf der Lkw-Haube.

Die Aufnahme zeigt Josef Lütke Rövekamp.
Josef Lütke Rövekamp  war erst zwölf Jahre alt,
als er das Grauen des Krieges vor der eigenen
Haustür kennenlernen musste.

Bei einem dieser Einsätze, „es war ein sehr dunkler Tag", wurde der Lkw von Tieffliegern, die man zu spät entdeckt hatte, beschossen. Der Lastwagen landete, von der Wucht der Geschosse getroffen, im Straßengraben hinter dem Bildstock „Bösendorf" auf dem Weg nach Dartmann und Wiewer. Josef Lütke Rövekamp und sein Vater waren sofort zur Stelle, um den Soldaten zu helfen. „In dem Lastwagen saßen insgesamt 25 Soldaten, die alle schwer verletzt waren. Wir haben den ersten Soldaten aus dem Auto gezogen. Dabei ist dem Schwerverwundeten ein abgetrenntes Bein aus der Hose gefallen", ist Josef Lütke Rövekamp heute noch erschüttert. „Ich bin dann auf der Stelle weggelaufen. Mein Vater und das Deutsche Rote Kreuz haben dann die beiden Verwundeten versorgt".

Gut kann sich Josef Lütke Rövekamp auch noch an die letzten Tage des Krieges und das Verstecken von drei Italienern auf dem Hof erinnern. „Die drei Italiener waren desertiert und haben bei uns auf dem Hof vor den deutschen Soldaten in der Scheune im Stroh Unterschlupf gefunden. Sie wurden von meiner Mutter mit Essen versorgt“, sagt Lütke Rövekamp. Die Italiener hatten die Familie Lütke Rövekamp immer wieder gebeten, sie nicht an die Deutschen zu verraten, aber sofort Bescheid zu sagen, wenn die Amerikaner auftauchten. „Das war nur eine Frage von Tagen, denn von Weitem hörte man immer deutlicher, dass die Amerikaner immer näher rückten“, weiß Lütke Rövekamp zu berichten.

Josef Lütke Rövekamp: "Von Weitem hörte man immer deutlicher, dass die Amerikaner immer näher rückten."


Karfreitag 1945, genau am 30. März, war es dann so weit. „Vier oder fünf amerikanische Panzer kamen aus der Davert, überquerten die Hammer Straße und standen bei Kussel auf dem Hof, „also genau bei uns gegenüber“. „Ich hab da zum ersten Mal in meinem Leben einen farbigen Menschen gesehen“, sagt Lütke Rövekamp. Aber die Amerikaner waren wirklich nette „Befreier“. Die drei Italiener sind dann direkt zu den Amerikanern „übergelaufen“.

„Genau kann ich mich noch daran erinnern, dass die amerikanischen Soldaten bei uns auf dem Hof erschienen und "Ecks" haben wollten. Keiner wusste zunächst, was die meinten, bis sie dann auf unsere Hühner zeigten. Sie wollten Eier (Eggs) von uns“, so Lütke Rövekamp. Dafür bekamen die Kinder etwas in Silberpapier verpacktes mit der Aufschrift „Chocolate“. „Damit wussten wir nichts anzufangen. Die Amerikaner haben uns dann gezeigt, dass man den Inhalt essen konnte. Die erste Tafel Schokolade schmeckte wirklich sehr lecker“, lächelt Lütke Rövekamp noch heute.

Josef Lütke Rövekamp: Die erste Tafel Schokolade schmeckte wirklich sehr lecker."


Im Gespräch ging Josef Lütke Rövekamp auch auf den Bericht von Maria Schneider ein. „Wir haben nach dem Krieg keine Kohlen geklaut - wir haben „gefringst".

„Gefringst"? „Ja", lacht Josef Lütke Rövekamp. „Das war kein Klauen von Kohlen, sondern im Volksmund hieß das nach dem Kölner Kardinal Frings nur "fringsen". denn der Kardinal hat nach dem Krieg allen Leuten erklärt, dass alles, was man sich deshalb nimmt, weil man es zum Leben dringend braucht, kein Stehlen ist. Darum haben wir Rinkeroder auch keine Kohlen gestohlen, sondern wir haben lediglich "gefringst". Das galt aber nur kurz nach dem Krieg - heute natürlich nicht mehr", betont Lütke Rövekamp. Auch der 10. Oktober 1943 ist Josef Lütke Rövekamp in lebhafter Erinnerung geblieben. „Wir kamen an diesem Tag vom Bietenbäumer Weg aus der Davert und wollten auf die Hammer Straße. Das ging aber nicht, denn Hunderte Menschen kamen mit Bollerwagen und Kinderwagen aus Richtung Münster und blockierten die Straße. Alles Flüchtlinge, die immer wieder erschüttert darüber berichteten, dass ganz Münster brennt. Viele Flüchtlinge haben dann zunächst in Rinkerode ein vorübergehendes Zuhause gefunden.










Quelle: Westfälische Nachrichten vom 05.05.2015, Autor: Karlheinz Mangels