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Geholfen, wo es ging

Gertrud Deventer arbeitete schon im Krieg in der Rinkeroder Nebenstelle der Amtsverwaltung Wolbeck

RINKERODE  „Ich habe immer versucht, hilfsbedürftigen Menschen zu helfen, sowohl vor dem Zweiten Weltkrieg, als auch nach dem Krieg“, war das Motto der heute 94-jährigen Gertrud „Trudis“ Deventer, geb. Schipke.

Die Aufnahme zeigt Gertrud Deventer.
        Gertrud Deventer  hat ihre Mitmenschen während und nach dem Zweiten
        Weltkrieg nach Kräften unterstützt Sie stellte Bezugsscheine aus.

1920 in Rinkerode „zu Hause“ geboren, besuchte Gertrud Schipke zunächst die Volksschule in Rinkerode. Bereits mit elf Jahren kam es zu einem schrecklichen Sportunfall, und man musste ihr ein Bein amputieren. „Doch mit nur einem Bein war ich trotzdem ein ,Hans Dampf in allen Gassen’“, lächelt sie noch heute. Mit zwei Krücken ging es zunächst in der Schule weiter. Nach einem Schreibmaschinenkurs arbeitete sie nach der Schulzeit auf Haus Borg.

Aber schon in der Kriegszeit war sie in der Nebenstelle Rinkerode der Amtsverwaltung Wolbeck tätig. Die Nebenstelle befand sich im heutigen Jugendheim direkt neben dem Feuerwehrgerätehaus. „Ich musste dann jeden Tag auf meinen Krücken durch das ganze Dorf zum Büro und zurück laufen. Wir wohnten ja schließlich in dem kleinen Häuschen an der Schlossallee zu Haus Borg. Dabei musste ich so manches Mal im Krieg bei Tieffliegerangriffen im Straßenseitengraben in Deckung gehen“, berichtet sie.

Richtig lebhaft wird sie, wenn sie über ihre Arbeit in der Nebenstelle in Rinkerode berichtet. Eine ihrer Hauptaufgaben bestand im Ausstellen und Verteilen von Bezugsscheinen für Lebensmittel, Kleidung und Schuhe.

Schon kurz nach Beginn des Zweiten Weltkrieges wurden vom Naziregime die sogenannten Lebensmittel- und Reichskleiderkarten eingeführt. Außerdem gab es für einmalige Anschaffungen, wie zum Beispiel für Kohlen für den Winter, besondere Bezugsscheine und für Kartoffeln die Einkellerungsscheine.

Gertrud Deventer: "Ich musste dann jeden Tag auf meinen Krücken durch das ganze Dorf zum Büro und zurück laufen."


Die Lebensmittelkarten wurden immer für einen Monat ohne besonderen Antrag ausgegeben – und zwar für jedes Familienmitglied eine einzelne Karte. Die Farbe der Karte veränderte sich von Monat zu Monat. „Und hierfür war ich dann zusammen mit Klärchen Overmann in der Nebenstelle zuständig. Wir haben die Bezugsscheine in der Schule an alle Bewohnerinnen und Bewohner von Rinkerode verteilt“, berichtet Gertrud Deventer. Auf den Karten war dann genau aufgelistet, welche Lebensmittel man kaufen konnte – zum Beispiel 1740 Gramm Brot, 200 Gramm Fleisch, 110 Gramm Butter und 150 Gramm Zucker. Nur mit dieser Karte konnten Bürger dann beim Bäcker oder Fleischer die entsprechenden Lebensmittel bekommen.

Die Aufnahme zeigt einen Bezugsschein für Lebensmittel, Kleidung und Schuhe.
Gertrud Deventer  stellte bei ihrer Arbeit in der
Nebenstelle wahrend des Krieges auch Kleiderkarten aus.

Für den Bezug von Waren, die nicht zum Lebensmittelbereich gehörten, gab es die Reichskleiderkarte. „Dabei wurde der Kleiderbedarf des alltäglichen Gebrauchs wie Unterwäsche, Hosen und Strümpfe ohne Antrag durch Bezugsscheine wie bei den Lebensmitteln zugewiesen. Dagegen mussten beispielsweise Mäntel, Bettwäsche oder Tischdecken bei der Gemeindebehörde extra beantragt werden. Dafür gab es dann Einzelbezugsscheine“, erzählt Gertrud Deventer.

„Gut kann ich mich noch daran erinnern, dass auch Umstandskleider gesondert beantragt werden mussten. Aber da hab ich eine Bewilligung natürlich besonders gerne ausgesprochen“, freut sie sich heute noch. Mit den Kleiderbezugsscheinen ging es dann entweder zum heimischen Textilgeschäft Dankelmann oder aber auch damals schon nach Münster.

Im Verlauf des Krieges gab es insgesamt fünf Kleiderkarten, immer für einen bestimmten Zeitraum. „Die letzte und damit fünfte Karte galt vom 1. Juli 1944 bis zum 31. Dezember 1945“, so Gertrud Deventer.

Die Aufnahme zeigt das Geburtshaus von Gertrud Deventer am Eingang zur Allee zum Haus Borg.
        Das Geburtshaus von  Gertrud Deventer steht am Eingang
        der Allee zum Haus Borg.

Auch die Landwirtschaft blieb von der Bürokratie des Naziregimes nicht verschont. „Wollte zum Beispiel ein Landwirt ein Schwein oder eine Kuh schlachten, so musste er bei mir einen sogenannten Schlachtschein beantragen. Ohne diesen Schein durfte eigentlich kein Vieh geschlachtet werden. Eigentlich . . .“, lächelt sie.

Auch nach dem Krieg wurden noch einige Zeit Bezugsscheine verteilt, vor allem an Flüchtlinge. „Auch dafür war ich dann zuständig“, so Gertrud Deventer. Natürlich gab es nach 1945 auch viele hilfsbedürftige Menschen, vor allem eben auch die Vertriebenen. „Auch diesen Menschen habe ich besonders gerne geholfen und die notwendigen Anträge für die Amtsverwaltung Wolbeck vorbereitet. Wenn das in Wolbeck nicht so schnell klappte, habe ich mich persönlich und mit Nachdruck darum gekümmert“, so Gertrud Deventer.

Gertrud Deventer: "Gut kann ich mich noch daran erinnern, dass auch Umstandskleider gesondert beantragt werden mussten."


Bereits während des Krieges hatte sie dann ihren späteren Ehemann Antonius Deventer kennengelernt. „Ich habe einem adrett gekleideten jungen Mann in Uniform mit einem Säbel an der Seite den Weg nach Haus Borg gezeigt. So haben wir uns kennengelernt, dann auch bereits 1946 geheiratet und am Prozessionsweg ein Haus gebaut“, strahlt Gertrud Deventer noch heute. Aus der Ehe mit ihrem „Pappi“ sind dann zwei Kinder – „zwei nette Jungs“ – hervorgegangen. Antonius Deventer war von 1948 bis 1952 und von 1961 bis 1964 stellvertretender Bürgermeister und von 1964 bis 1974 Bürgermeister der Gemeinde Rinkerode.










Quelle: Westfälische Nachrichten vom 15.07.2015, Autor: Karlheinz Mangels